3. Piste des Ybbstals. Oder wie wir die Klimakrise nicht lösen werden!

Gründung der „Klimawandel-Anpassungs-Region“: nicht schlecht! Beschluss des Klimamanifests in Waidhofen/Ybbs: auch gut! Ständige Bekenntnisse zum Klimaschutz: passt! Und dann: vierspuriger Ausbau der B121 Richtung Amstetten – da passt was nicht!

Die BürgermeisterInnen der Kleinregion Ybbstal geben eine Petition beim niederösterreichischen Mobilitäts-Landesrat ab, in der sie den weiteren vierspurigen Ausbau der Bundesstraße zwischen Kematen und Amstetten fordern. Und das im Jahr 2020, wo wir nur noch zehn Jahre Zeit haben, unsere Treibhausgas-Emissionen zu halbieren. Die Zeit drängt: wir spüren überall, dass uns Lippenbekenntnisse und Sonntagsreden nicht mehr aus der Patsche helfen. Trotzdem beschleicht uns immer mehr das Gefühl, dass auch in der regionalen Klimapolitik vorwiegend Wasser gepredigt und Wein getrunken wird.

Offener Brief an die Verantwortlichen verfasst

Weil wir der Überzeugung sind, dass ein weiterer großer Straßenausbau in der Region der völlig falsche Weg ist, haben wir als ersten Schritt einen Offenen Brief an die BürgermeisterInnen, den Mobilitätslandesrat von Niederösterreich, den regionalen Nationalratsabgeordneten und die Umweltministerin verfasst. Der Brief soll unsere Einschätzung darlegen und dazu beitragen, in eine Diskussion mit den politisch Verantwortlichen zu kommen. Die Kernthemen unseres Briefs kurz zusammengefasst:

Der 3 km lange Ausbau der Bundesstraße soll die Fahrzeit zwischen Waidhofen/Ybbs und Amstetten verkürzen und damit den Wirtschaftsstandort im Ybbstal stärken. Nach einer überschlägigen Milchmädchen-Rechnung beträgt dieser kurzfristige Zeitgewinn aber nicht einmal eine Minute. Wenn man bedenkt, dass neue Straßen auch neuen Verkehr generieren, wird diese „Qualitätssteigerung“ in ein paar Jahren aber schon wieder Geschichte sein – zu einem ziemlich hohen Preis (an Finanzmittel und natürlichen Ressourcen).

Dieser zusätzliche Verkehr wird nicht nur die Geschwindigkeit drosseln sondern auch zusätzliche CO2-Emissionen verursachen: wir begeben uns also in einen sogenannten lock-in-Effekt. Das heißt, dass wir Maßnahmen setzen, die uns wieder langfristig an fossile Energieträger binden. Die österreichische Bundesregierung hat sich eigentlich solche Effekte 2019 schon selbst verboten – aus gutem Grund. Wie sollen wir es schaffen, bis 2030 die Emissionen zu halbieren und bis 2050 auf (netto) Null zu senken, wenn wir uns weiterhin an die fossile Vergangenheit fesseln?

Einem weiteren Klimaschutzfaktor werden auch wir uns gerade mehr und mehr bewusst: dem gesunden Boden und Humus mit seiner enormen Kohlenstoffspeicher-Fähigkeit. Auf diese werden wir angewiesen sein, wenn wir Mitte des Jahrhunderts klimaneutral sein müssen. Ungefähr zwei Hektar dieses wertvollen Bodens und „Klima-Jokers“ müssten dem Straßenausbau zum Opfer fallen, womit die Klimakrise gleich ein zweites Mal angeheizt wird.

Schließlich würden mit dem B121-Ausbau ins Ybbstal Tatsachen geschaffen: warum sollten sich nicht auch die BürgermeisterInnen des Ennstals, des Erlauftals, des Melktals oder irgendeiner etwas abgelegenen Region beim Mobilitäts-Landesrat um eine neue, breitere Straße anstellen? Damit wäre aber klar: es wird keine Reduktion der Verkehrsemissionen, keinen Stopp beim Flächenverbrauch und letztlich kaum Fortschritte in einer wirkungsvollen Klimapolitik geben.

Lichtblick: öko-soziale Steuerreform

Sind andere, zukunftsorientierte Lösungen in Sicht? Wir denken schon. Die RegionalpolitikerInnen müssen zu klimapolitischen AkteurInnen werden und von der Bundesregierung die richtige Stellung der großen Hebel einfordern. Wir brauchen umgehend eine öko-soziale Steuerreform, die den fossilen Straßenverkehr teurer macht und den Verkehr auf der Schiene oder die regionalen Wertschöpfungsketten billiger und attraktiver machen. Dann wäre die Lage eines Wirtschaftsstandortes an einer Hochleistungsstraße nicht mehr unbedingt ein Vorteil – sondern jene an einer leistungsfähigen Eisenbahnstrecke. Das wäre eine nachhaltige Stärkung der Region, die das Leben, Arbeiten und Wirtschaften dort attraktiv macht.

Den vollständigen Offenen Brief gibt es hier zum Nachlesen. Wir sind gespannt auf die Reaktionen der politisch Verantwortlichen und bleiben mit Sicherheit an diesem Thema dran!