Vielleicht ist es mit dem Fliegen wie mit dem Rauchen. Eine Flugbiografie

Demorede der Waidhofner Klimaproteste

Vielleicht ist es mit dem Fliegen wie mit dem Rauchen. Rückblickend werden sich alle wundern: „Was, und das war ganz normal?“
„Ja, das war ganz normal, man durfte ja überall rauchen, wir sind ja alle geflogen. Es war ja auch so billig, da kann man ja nicht nein sagen.“

Ich kann nur glücklich sein, wenn ich Machu-Picchu gesehen habe? Wirklich? Muss es der Strand in der Karibik sein, oder ist das Mittelmeer vielleicht auch ganz okay? Und warum kennen viele Leute Canada oder Australien besser als die Alpen vor ihrer Haustür? Ob sich Weltoffenheit, Interesse an fernen Ländern und Respekt für fremde Kulturen in der Anzahl der Flugkilometer widerspiegeln? Ich glaube nicht.

In meiner Kindheit bin ich mit meiner Familie in die Mittelmeerregion verreist. Nach Kroatien und Italien hauptsächlich zum Campen ans Meer. Dann in meiner Jugend kam eine sehr flugintensive Episode. Noch bevor ich 18 Jahre alt war hatte ich neben vielen europäischen Ländern bereits Indien, die USA, Taiwan und Marokko bereist. Reisen und so auch Flug-Reisen waren für mich etwas Wunderbares und Spannendes, sie waren vollkommen positiv besetzt. Ich war jung und neugierig und ich hatte keine Ahnung davon, welche enormen Auswirkungen Flugverkehr auf die Umwelt hat. 2012 habe ich die Schule abgeschlossen und bin mit meiner ganzen Klasse auf Maturareise auf die kanarischen Inseln geflogen. Bis heute war das mein letzter Flug.

Dass ich neugierig bin auf die Welt und die Fremde hat sich nicht geändert, aber seit acht Jahren erkunde ich die Welt nur noch am Landweg. Im Studentenmilieu wurde ich damit erst einmal als sonderbar aufgenommen. Ich habe das auch nicht offen kommuniziert, eher gehofft, dass es keiner merkt. Studierende sind Teil der Bevölkerungsgruppe mit extrem hoher Mobilität – da fällt man als Flugverweigerer schon etwas aus dem Bild. Man gilt schnell als langweilig, engstirnig oder komisch, weil einen die Welt ja anscheinend nicht interessiert. Aber darum geht es überhaupt nicht.

Ich frage mich: Wieviel Weltoffenheit, Toleranz und Mut braucht es wirklich, sich in einen Flieger zu setzen, um irgendwo wieder zu landen, isoliert und punktuell Flecken der Welt zu besichtigen? Wie wäre es, das Dazwischen auch wahrzunehmen, Distanzen auch zeitlich zu fühlen und zu sehen, wie sich Landschaften und Menschen verändern. Noch vor ein paar Jahren war es etwas Besonderes, mit dem Bus nach Barcelona zu fahren – wenn es doch viel billiger mit dem Flugzeug geht. Mittlerweile höre ich häufiger von Leuten, dass sie bewusst privaten Flugverkehr vermeiden wollen. Das Fliegen, das lange als durch und durch aufregend, hip und spannend galt, durchläuft einen Imagewandel.

Rede bei den Waidhofner Klimaproteste im April 2019.

Bei einem Flug von Wien nach New York und zurück werden pro Person 4,25 Tonnen CO2 ausgestoßen. Ein klimaverträgliches, klimagerechtes Jahresbudget beträgt laut Wirtschaftswissenschafter Niko Paech ca. 2,7 Tonnen CO2 pro Person. Rein rechnerisch bedeutet das: Ich kann einmal nach New York fliegen und dafür fast zwei Jahre quasi nicht existieren. Nicht heizen, nicht essen, nichts kaufen, nicht auf Infrastrukturen zugreifen usw., damit ich persönlich die Pariser Klimaziele einhalten kann. Ein Flug Wien-New York entspricht fast zwei Jahreskontingenten. Das sind die Dimensionen, um die es beim Fliegen geht. (Ein Flug Wien-Neuseeland und retour beträgt übrigens 14,5 Tonnen CO2.)

Der Flugverkehr hat sich in Österreich in den letzten 20 Jahren mehr als verdoppelt. Pro Personenkilometer verursacht ein Flugzeug etwa 31-mal so viel CO2 wie die Bahn in Österreich. Im Jahr 2019 ist der der CO2-Ausstoß durch den Flugverkehr auf fast drei Millionen Tonnen gestiegen und damit so hoch wie nie zuvor.

Seit ich nicht mehr fliege sind die Abenteuer nicht weniger geworden. Per Bus und Autostopp bin ich einmal über den Balkan, durch Kroatien, Montenegro und Mazedonien bis nach Athen gereist. Zu fünft in einem vollgepackten Auto war ich mit Freunden in Südnorwegen. Einmal bin ich mit Fernbussen bis nach Südspanien gefahren und dann mit der Fähre hinüber nach Marokko. Und auch in Marokko ist der öffentliche Zug- und Busverkehr einwandfrei. Bergsteig-Reisen haben mich auf Schiene zum Mont Blanc Massiv und in die Hohe Tatra in der Slowakei geführt. Nach Korsika konnte ich in Zug und Fähre mein Rad mitnehmen und bin dann dort zwei Wochen nur mit dem Fahrrad unterwegs gewesen. Innereuropäisch auf Flugverkehr zu verzichten ist nicht schwierig, es ist eine Entscheidung.

Netzstreik fürs Klima im April 2020. #staygrounded #Flugstreik #FightEveryCrisis

Für sanftes Reisen brauchst du mehr Zeit, das ist klar. Aber wenn du eine sanfte, satt drei schnellen Flugreisen machst, geht es sich zeitlich auch wieder aus. Willst du Land für Land von einer To-Do-Liste abarbeiten? Willst du die Welt verkonsumieren? Wie wäre es, ohne Angst mal ein Jahr den Flugverkehr zu bestreiken? Es muss ja nicht gleich für immer sein. Am Ende ist das Fliegen auch nur eine Gewohnheit, die man ändern kann.

„Was, und das war ganz normal?“
„Ja, das war ganz normal, wir sind ja alle geflogen. Es war ja auch so billig, da kann man ja nicht nein sagen.“

Tatsächlich ist es derzeit höchst unproportional, wie billig Flüge sind. Während die Bahn für den Strom eine Energieabgabe zu zahlen hat und Autofahrer Mineralölsteuer zahlen, ist der Flugtreibstoffs Kerosin von der Mineralölsteuer befreit. Allein in Österreich hat diese Steuerbegünstigung im Jahr 2019 rund 560 Millionen Euro ausgemacht. (Berechnet auf der Basis des Eurosuper-Preises.)

Es ist irreführend. Es ist eine Steuerung in die falsche Richtung, dass Kerosin und Flughäfen steuerfrei sind. Das muss sich ändern! Darum fordere ich (gemeinsam mit den Waidhofner Klimaprotesten) von der österreichischen Bundesregierung die Besteuerung von Flugkerosin und die Einführung einer Grundsteuer für Flughäfen!

Detaillierte Infos zum Thema findest du im Factsheet des VCÖ.